Technicolor Wasn’ t Meant to Be White 
– Rassismus im Film

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Im Rassismusdiskurs, der in Deutschland oft als Problem von rechten Randgruppen und, aktuell mit der größer werdenden Beliebtheit von AfD und Pegida, „besorgten Bürgern“ dargestellt wird, wird leider oft außer acht gelassen, dass durch einen historischen Kontext alle gesellschaftlichen Gruppen zu rassistischen Handlungen neigen. Die Ideologie des Rassismus’ beruht auf der Konstruktion von Rassen, die in der Vergangenheit als biologischer und wissenschaftlicher Beweis für eine Überlegenheit der weißen Rasse gedient hat. 


Johann Friedrich Blumenbach teilte im 18. Jahrhundertim Zuge der wissenschaftlichen Einordnung von Flora undFauna alle Menschen in fünf Rassen auf. Jedoch führte er die unterschiedlichen Hautfarben und Physiognomien auf das Klima undgeografische Gegebenheiten zurück, ohne eine Wertung zu vollziehen. Philosophen der Aufklärung, allen voran Immanuel Kant, waren es, die eine Hierarchisierung der Rassen vornahmen. Weiße Menschen stünden in dieser Hierarchie oben, wobei der schwarzen Rasse negative Attribute wie Faulheit, Dummheit und Grobschlächtigkeit zugeschrieben wurden. Für europäische Kolonialisten und Imperialisten galt diese „wissenschaftliche“
Erkenntnis als Legitimation für die Ausbeutung und Ermordung vieler einheimischer Völker in Nord- und Südmerika, Afrika, Australien und Teilen Asiens. Mit dem Ende des zweiten Weltkrieges ist die biologisch gestützte Rassentheorie vom Tisch gefegt – das soziale Konstrukt der Rasse bleibt dennoch in den Köpfen verhaftet. Noch immer sind die Folgen weißer Kolonialisierung und die Hierarchie der Hautfarben zu spüren: politisch und ökonomisch stehen Länder mit weißen Mehrheitsgesellschaften an der Spitze. Das Schönheitsideal weltweit ist eine helle Hautfarbe. In südostasiatischen Ländern wie Thailand oder Vietnamwird mit Hautcremes geworben, die die Haut aufhellen. Rassistisches Gedankengut wird in diesen Räumen medial weit verbreitet.Weiß gilt als die Norm, wohingegenMenschen mit einer anderen Hautfarbe als Abweichung angesehen werden. Durch eine Unter- und Fehlrepräsentation von sogenannten People of Color in den Medien werden bestehende historische Stereotype bedient und verstärkt. Vor allem die Unterhaltungsindustrie, besonders der Film als allen zugängliches und unterhaltendes Medium, prägt das Verständnis und die Wahrnehmung der Gesellschaft auf sich selbst und ihre Akteur*innen.

Film ist Teil der Mainstreamkultur und das, was in diese einfließt, beeinflusst das Leitbild aller Generationen. Das Paradigma, das Weißsein zur Norm gemacht hat, findet sich im Film auf allen Ebenen wieder. Zwar wird in der Filmindustrie oft über Diversität geredet – und dank der Möglichkeit, im Internet seine Meinung kundzutun, werden die Forderungen nach ethnischer Vielfalt im Film immer lauter – aber wenn es darum geht, Entscheidungen zu treffen, ist Diversität von geringer Priorität. Stattdessen greifen Filmemacher*innen immer wieder auf dieselben, stereotypischen Rollen zurück. Dies wundert nicht, bedenkt man, dass die dominante Gruppe hinter den Kulissen weiß und männlich ist. Es wird den weißen, männlichen Regisseuren, Produzentenund Drehbuchschreibern nicht unterstellt, dass sie aktiv eine exklusive Agenda befolgen, um mit allen Mitteln eine ethnische Vielfalt auf der Leinwand zu verhindern – jedoch beruht die Filmindustriepolitik, wie auch viele andere Branchen, auf Netzwerken und Kontakten; solange People of Color nicht aktiv inkludiert werden, bleibt es für sie als marginalisierte Gruppe schwieriger, Fuß im Geschäft zu fassen. Insbesondere die US-amerikanische Filmindustrie übt einen erheblichen Einfluss auf die globale Popkulturlandschaft aus. Ob-wohl die heimische Industrie z.B. in Frankreich und Deutschland verhältnismäßig stark ist, spielen auch bei uns in Deutschland US-amerikanische Produktionen viel Geld in die Kinokassen ein. Der immense finanzielle Erfolg Hollywoods beschreibt zugleich denweltweiten Konsum von US-amerikanischer Medien. Produzent*innen und weitere Financiers dieser Industrie gehen aber davon aus,dass sie in einer dermaßen globalisierten Welt Medien für ein vermeintlich mehrheitlich weißes Publikum erzeugen. Ein Blick hinter die Kamera zeigt deutlich, welche race das globale Kinogeschehen bestimmt: hinter den 100 Filmen, die weltweit das meisteGeld an den Kinokassen eingespielt haben, stehen mehrheitlich weiße Filmproduzent*innen, weiße Regisseur*innen und weiße Drehbuchschreiber*innen. Was bedeutet diese extreme Ungleichheitzwischen den Hautfarben unter den Filmemachenden?

Die Filme, die von weißen Menschen für die Welt gemacht werden, sind nicht universelll – sie werden nur aus der weißen Perspektive erzählt. In einer vermeintlich post-kolonialen Gesellschaft, in der hierarchische Strukturen aufgrund von Hautfarbe weiterhin bestehen, wird durch die schiere Masse an weißen, weltweit erfolgreichen Filmen diese Struktur aufrecht erhalten – und mit Normalität verwechselt: Weiße Filme mit weißen Darsteller*innen bedeuten die Norm. Nicht-weiße Filmemacher*innen und nicht-weiße Schauspieler*innen stellen die Abweichung dar.

Der Film ist ein Medium, mit dem fiktive Geschichten erzählt werden können oder historische Ereignisse filmisch aufgearbeitet werden. In einer Gesellschaft, in der unkritisch die weiße Figur im Film als default gesehen wird, braucht es oftmals eine Erklärung für das Auftreten von nicht-weißen Charakteren. Stereotypes Casting ist daher wichtiges und wirksames Werkzeug um einmal die weiße Figur als Standard weiterhin zu etablieren und weiterhin nicht-weißen Schauspieler*innen die Möglichkeiten zu entziehen, komplexe und dreidimensionale Rollen zu spielen. Genauso wie in einer Hautcremewerbung in Thailand, in der eine helle Schauspielerin als Schönheitsideal einer dunkelhäutigen gegenübergestellt wird, dient die dunkle Hautfarbe im Film oft als negativer Vergleich: Damit weiße Rollen besser gewertet werden, braucht es als Kontrast eine nicht-weiße Person. Viele Schauspieler*innen of Colour lehnen eine stereotype Rolle, in der sie beispielsweise in einem ethnischen Dialekt sprechen sollen, ab. Doch ist der Pool an möglichen Rollen für sie beschränkt, sodass sie gezwungenerweise aus finanziellen Gründen doch ungewollte, rassistische stereotype Rollen annehmen müssen. Eine Zwickmühle in der sich Schauspieler*innen of Color befinden. Doch selbst rassifizierte Rollen werden auch immer noch oft genug von weißen Schauspieler*innen in rassistischer Verkleidung übernommen. Letztendlich sieht man auf der Leinwand das, was zum einen einen Bruchteil der Realität reflektiert, zum anderen durch eine repetitive eindimensionale Darstellung von People of Color Rassismus gegenüber nicht-weißen Menschengruppen reproduziert und potenziert.

Für viele Menschen in einer weißen Mehrheitsgesellschaft ist der Film die einzige Quelle, über die sie sich ein Bild über arabische, schwarze oder asiatische Menschen machen können. Wenn seit jeher ein einseitiges, stereotypes Bild von ihnen im Mainstreamfilm existiert, dagegen aber ein Bild vom weißen Menschen als individuelle, vielschichtige und komplexe Hauptfigur, dann ist es nicht verwunderlich, dass bestimmte Bilder von People of Color in den Köpfen aller, also auch von den betroffenen People of Color selbst, verhaften bleibt und weiße Menschen als Individuen wahrgenommen werden.

Meine Bachelorarbeit versucht anhand des sehr anschaulichen Beispiels Hollywood über strukturellen Rassismus aufzuklären. Es soll deutlich werden, wie homogen weiß alle Produktionsstufen großer Filme besetzt sind und wie eine weiße Weltsicht, verkörpert von weißen Schauspieler*innen, global verbreitet und im Film zur Norm wird. Da mir neben der Kritik am Status Quo auch wichtig war, einen Beitrag zur Repräsentation von People of Color zu leisten, suchte ich nach guten, möglichst diskriminierungsfreien Filmen von und mit People of Color. Es entstand eine Filmliste mit kurzen Synopsen. Beide Ergebnisse vereinte ich auf der Webseite www.thetechnicolor.net. Sie soll als Werkzeug dienen: Zum einen als Informationsquelle für Rassismus im Film und zum anderen als Inspirationsquelle für einen gemütlichen Filmabend.
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